Die toxische Scham – wo der Schmerz sich versteckt!

Hallo Ihr Lieben,

als mir erstmalig der Begriff „toxische Scham“ über den Weg lief, konnte ich trotz „Heilpraktiker für Psychotherapie – Ausbildung“ und vielen Fortbildungen, nichts damit anfangen. Scham, ja das kennen wir! Toxisch bedeutet giftig, das kannte ich auch. Aber der Begriff in Zusammenhang als feststehende Einheit und Teil eines Krankheitsbildes war mir noch nicht begegnet. Und doch wusste ich relativ schnell, wie unglaublich wichtig es ist, dass ich mich näher damit befasse – für mich und viele meiner Kunden.

Das Thema Scham ist aufzuteilen in positive und negative Scham. Die positive Scham ist Teil unseres Daseins als soziales Wesen innerhalb der Gesellschaft und es ist wichtig für unsere Entwicklung. Durch sie können wir erkennen, welche Erwartungen und gesellschaftliche Normen in uns vorhanden sind. Sicher kennst Du auch Menschen die keinerlei Schamgefühl haben und unsere Grenzen übertreten. Das sind keine angenehmen Menschen und wir umgeben uns auch nicht gerne mit ihnen.

Unterschiede zwischen gesunder und toxischer Scham:

Vielleicht kennst Du den Moment, wenn Dir vor vielen Menschen etwas Peinliches passiert ist. Du hast vielleicht die vorbereitete Rede vergessen, Deine Hose platzt oder der Stuhl  bricht unter Dir zusammen. Eventuell hast Du ein unpassendes Geräusch in einer stillen Situation gemacht!  Oder hast peinlicherweise ( wie es mir leider ab und zu schon passiert ist), eine Nachricht oder ein Bild mit brisantem Inhalt aus Versehen an den völlig falschen Empfänger gesendet.

Diese Art der Scham ist die gesunde Scham, sie ist normal und gehört zu unserem Leben dazu. Das Entscheidende daran ist, dass wir uns nur dafür schämen, was passiert ist und wie wir uns verhalten haben.

Beschämtes Kind

Die giftige (toxische) Scham, die unser Leben und Denken vergiftet, bedeutet, dass wir uns nicht für unser Verhalten schämen, sondern für unser SEIN und wer wir sind. Die toxische Scham sagt uns: Du bist schlecht so wie Du bist! Schlecht, nicht liebenswert, überflüssig, wertlos, eine Last. Eigentlich bleiben uns nur 2 Möglichkeiten: von der Erdoberfläche zu verschwinden oder einen absolut perfekten Eindruck in allen Lebenslagen zu machen. Uns ist sehr wichtig,  dass niemand erkennt, wie wertlos wir sind und wir niemandem eine Angriffsfläche bieten für Spott und Lästerei.

Die positive Scham dagegen sagt lediglich: Dein Verhalten war peinlich oder nicht ok! Das ist ein riesiger Unterschied denn das berührt uns nicht in unserem tiefsten Wesenskern.

Wie kommt es eigentlich zu dieser toxischen Scham?

Wie so Vieles, was heute in unserem Unterbewusstsein sein Unwesen treibt, kommt auch dieses fast immer aus unserer Kindheit. Die wenigsten von uns hatten Eltern, die sie bedingungslos geliebt haben.

Wenn wir etwas angestellt haben, war es wahrscheinlicher eine Tracht Prügel zu bekommen und Sätze zu hören wie:

  • Kannst Du nicht einmal was richtig machen?
  • Du bist aber auch für Alles zu blöd!
  • Andere Kinder kriegen das doch auch hin!
  • Boah, warum muss ausgerechnet ich so einen Looser als Kind haben?
  • Stell Dich nicht so an!
  • Stell Dich doch nicht so dämlich an!
  • Womit hab ich sowas wie Dich bloß verdient?
  • Was glaubst Du eigentlich wer Du bist?
  • Wenn Du nochmal so einen Scheiß baust, geh ich weg und Du bist allein!
  • Entweder Du besserst Dich, oder ich bin nicht mehr Dein/e Mutter/Vater!
  • Hätten wir Dich nicht, hätten wir uns einen Porsche/Weltreise/Pelzmantel…. leisten können!
  • Hätte ich mich damals doch mal besser für die Abtreibung entschieden!
Verborgene Erinnerungen

An solche Sätze erinnern sich die meisten von uns gar nicht mehr und es benötigt oft eine intensive Auseinandersetzung mit unserem Schmerz und das Zulassen des Schmerzes.  Wir haben manchmal vergessen, wie schlimm das für uns war und dass es schrecklich weh tat, nicht geachtet, wertgeschätzt  und geliebt zu werden. Unsere Bedürfnisse und Grenzen spielten keine Rolle und in leider viel zu vielen Fällen kam noch körperlicher Missbrauch zum seelischen Missbrauch hinzu. Zur Zeit meiner Kindheit und davor galt auch das Prügeln von Kindern noch als angemessene Erziehungsmethode, die gesellschaftlich absolut anerkannt war. Genauso schmerzhaft wie körperliche Prügel sind aber auch Sätze wie oben genannt. Für ein Kind bedeutet es Todesangst, wenn ein Elternteil sagt: „Dann bin ich nicht mehr Deine Mutter!“ Wir entwickeln dadurch im Erwachsenenalter starke Verlassensängste, gehen ungesunde Beziehungen ein und lassen uns von der ganzen Umwelt und unserem Partner viel zu viel gefallen, aus Angst verlassen zu werden.

Toxische Scham und Suchtverhalten

Esssucht und auch viele andere Süchte sind ein weiteres Symptom der toxischen Scham, denn wenn ich schon so ein „unwürdiges Ding“ bin, benötige ich viel Kraft um die Maskerade des Perfektionismus aufrecht zu erhalten. Wenn ich es schon so überhaupt nicht gut und perfekt bin, setze  ich zumindest meine gesamte Energie dort rein, so zu tun, als wäre ich es.

Durch übermäßiges Essen, Trinken, im Internet chatten, putzen, shoppen usw. versuchen wir

  1. den Druck, der durch das Vorspielen von Perfektion auf uns lastet abzubauen
  2. uns zu betäuben
  3. uns durch permanentes Nachdenken über Beschaffung der Nahrung, Kalorienwert und Diätplänen vom wahren Problem abzulenken
  4. unseren Tag so einzurichten, dass wir nicht zur Ruhe kommen, aus Angst uns mit uns selber und dem Schmerz zu beschäftigen
  5. uns zu belohnen für dieses schwierige Dasein
  6. uns zu trösten, weil wir uns so einsam fühlen
  7. mal kurz die anstrengende Kontrolle zu verlieren, z.B. durch Fressanfälle

Wahrscheinlich denkst Du jetzt: Ja prima, ich glaub ich erkenne mich in manchem wieder, aber was soll ich jetzt bloß tun?

Lösungsansätze

Meiner Erfahrung nach helfen bei toxischer Scham das Entwickeln von Selbstliebe, Achtsamkeit für Bedürfnisse, Zeiten der Stille und eine Auseinandersetzung mit dem was da in Dir ist und gesehen werden will. Das geht nicht von heute auf morgen, aber wenn Du heute damit anfängst, lernst Du mit der Zeit immer mehr auf Dich und das was da gesehen werden will zu hören. In uns drin sind so viele traurige, verletzte , wütende, beschämte kleine Kinder, die nichts lieber möchten als zu hören, dass Du sie siehst und sie da sein dürfen mit all ihren Gefühlen. Durch diese so lange erwartete Erlaubnis  und Eure Verbindung, können sie endlich aufhören gegen Dich zu kämpfen um auf sich aufmerksam zu machen. Meiner Meinung nach gibt es keinen anderen Weg als sich mit dem Schmerz und dessen Ursache auseinanderzusetzen. Du wirst Dich wundern, welche Gefühle, abgespaltene Teile in Dir schlummern und Dein Leben beherrschen, ohne, dass Du auch nur im geringsten ahnst, was da los ist mit Dir. Die Arbeit mit dem Inneren Kind bzw. den inneren Kindern ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Glück!

Übung:

Setz Dich in einer ruhigen Stunde hin und schreibe Dir auf, was Dich gerade besonders berührt, schmerzt, traurig oder wütend macht. Lass positives Denken völlig außen vor und sei absolut ehrlich mit Dir. Formuliere Deine Sätze z.B. folgendermaßen: Ja, mir geht es richtig Scheiße! Ja, ich kann einfach nicht mehr! Ja, ich will mir nur noch die Decke übern Kopf ziehen! Mich kotzt Alles an! Es tut so weh, wie mein Mann mit mir umgeht!…… Bitte schreibe so, wie Dir der Schnabel gewachsen ist, halte Dich nicht zurück oder versuche anständige Wörter oder Formulierungen zu finden. Dann bist Du nämlich zu sehr im Verstand, statt im Bauch! Und genau da müssen wir hin – in Dein Bauchgefühl! Und hab keine Angst Negatives zu denken, zu sagen oder aufzuschreiben, schon die phantastische Louise Hay hat gesagt: „Wenn ich meine Haus reinigen will, muss ich mir zuerst anschauen, wo der Dreck ist!“

Sich dem allertiefsten Schmerz zu stellen, dafür gibt es sogar einen festen Begriff in der spirituellen Psychologie. Er wurde im 16. Jahrhundert von dem spanischen Mystiker und Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz geprägt und nennt sich Die dunkle Nacht der Seele! Aber dazu mehr im nächsten Blog und Newsletter!

Wie ich im letzten Beitrag „Bist Du zart besaitet?“ schon angedeutet habe, besteht oft ein Zusammenhang zwischen toxischer Scham und Hochsensibilität. Da hochsensible Menschen sich schon früh anders und nicht richtig fühlen, sind sie in ihrem Wesen äußerst anfällig für toxische Scham. Auch dort gilt es herauszufinden, wer oder was uns als Kind so verletzt hat.

Ich hoffe sehr, Euch mit diesem unbekannten, schambehafteten Thema der toxischen Scham einen wichtigen Gedankenanstoß vermittelt zu haben. Und ich wünsche Euch von Herzen Zeiten der Stille und Innenschau. Nehmt Kontakt zu Euren Gefühlen auf – sie warten schon lange verzweifelt darauf ♥

Herzlichst

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